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Ein Arbeitstag im Frauenhaus

Mitarbeiterin Anonym / 04.06.2025

Im Frauenhaus ist kein Tag wie der andere. Unsere Mitarbeiterinnen müssen auf alles gefasst sein, schnell reagieren können und gleichzeitig den anwesen den Frauen Struktur und Sicherheit bieten. Eine Beraterin schildert einen «ganz normalen» Arbeitstag.

Der Tag beginnt früh. Schon auf dem Weg zur Arbeit besorge ich einen bunten Blumenstrauss, um etwas Farbe ins Frauenhaus zu bringen. Mit der Post unter dem Arm treffe ich kurz vor 8 Uhr ein und übernehme die Schicht von der etwas übermüdeten Nachtdienst-Mitarbeiterin. Unsere Übergabe wird unterbrochen, als eine Klientin an unsere Bürotür klopft, um nach Post zu fragen. Kurz darauf sitzt sie weinend im Gemeinschaftsraum: Der Brief, den sie gerade erhalten hat, enthält den Termin für die bevorstehende Trennungsverhandlung, die sicher fordernd und aufwühlend sein wird.  Gemeinsam besprechen wir ihre Ängste und den Ablauf der Verhandlung. Mit einem Tee beruhigt sie sich etwas und entscheidet, nach dem Frühstück einen Spaziergang zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen.

STÄNDIGE UNTERBRECHUNGEN

Das Telefon klingelt immer wieder. Eine Anruferin sucht einen Schutzplatz für sich und ihre Kinder: Sie wird von ihrem Mann massiv bedroht, erlebt immer wieder Gewalt und hat grosse Angst. Nach detaillierten Abklärungen vereinbaren wir ihren Eintritt für den Nachmittag. Zwischendurch helfe ich einer Klientin, die verschlafen hat, rechtzeitig zu ihrem Beratungstermin zu kommen.

Nach dem Frühstück spiele ich zunächst eine Runde Uno mit zwei Kindern, die Schulferien haben. Schon nach der ersten Runde verlieren sie jedoch das Interesse: Die Spielsachen in der Ecke sind einfach spannender. Kurz darauf unternehmen sie einen Ausflug auf den Bauernhof, mit den Mitarbeiterinnen unseres hausinternen Spielangebots. Die plötzliche Ruhe im Haus nutze ich, um mit den Hausarbeiten zu beginnen: Kaffeemaschine reinigen, Haltbarkeitsdaten prüfen, Wäsche wegräumen. Derweil bittet mich eine Frau um Unterstützung mit der Waschmaschine, und wir verbringen ein paar Minuten im Keller, wo ich auch gleich die Wäsche aufhänge.

HOFFNUNGSVOLLER ABSCHIED

Eine Klientin wird uns heute verlassen. Sie hat einige Wochen bei uns verbracht und hat in dieser Zeit viel erreicht. Nun ist es für sie an der Zeit, in ihre eigenen vier Wände zu ziehen. Ihr Zimmer hier bei uns hat sie bereits sauber geputzt. Es ist bereit für die neue Frau, die am Nachmittag mit ihren Kindern hier einziehen wird. Vorher organisieren wir eine kleine Abschiedsrunde. Bei Kaffee, Tee und Gipfeli tauschen sich die Klientinnen aus – es wird emotional, aber auch hoffnungsvoll.

Das Mittagessen bringt alle wieder zusammen. Die Kinder berichten lebhaft von ihrem Ausflug, während die Frauen sich über ihre Pläne unterhalten. Eine Klientin erzählt stolz von ihrer neuen Arbeitsstelle. Am Tisch wird klar: Gemeinschaft ist ein wichtiger Teil des Lebens im Frauenhaus. Nach dem Essen räume ich mit den Frauen die Küche auf und verabschiede die ausziehende Klientin endgültig. In das frei gewordene Zimmer lege ich ein Willkommensgeschenk für die Neuankömmlinge und öffne das Fenster, um frische Luft hereinzulassen.

INDIVIDUELLE BERATUNG

Am Nachmittag führe ich ein längeres Beratungsgespräch: Eine meiner Klientinnen fühlt sich angesichts der vielen anstehenden Aufgaben überfordert. Gemeinsam erstellen wir ein Mindmap mit ihren Zielen und Plänen. Sie ist sehr dankbar für diese Visualisierung und wird sie in ihrem Zimmer aufhängen. Sie sieht: Ich habe schon ganz viel erreicht!

NEUANKUNFT

Gegen 16 Uhr hole ich die neue Klientin und ihre Kinder ab – an einem öffentlichen Ort, den wir am Telefon ausgemacht haben. Obwohl wir uns vorher nie gesehen haben, erkennen wir uns sofort. Im Frauenhaus angekommen, führe ich sie durchs Haus, zeige ihnen ihr Zimmer und beantworte ihre Fragen. Die Kinder finden schnell Anschluss und spielen schon nach kurzer Zeit mit den anderen, während ihre Mutter sich bei einer Tasse Tee mit den Klientinnen unterhält.

Bevor der Tag zu Ende geht, schreibe ich Berichte und telefoniere mit der Schule der neu eingezogenen Kinder. Ich informiere die künftige Lehrerin über die Situation und bespreche das weitere Vorgehen. Kurz darauf ruft ein anderes Frauenhaus an und meldet einen Übertritt für den nächsten Tag an, da die gewaltbetroffene Frau bei ihnen nicht sicher ist.

Am Ende des Tages räume ich das Büro auf, schliesse die Schränke und übergebe das Telefon an die Nachtdienst-Mitarbeiterin. Als ich das Licht lösche, wirkt das Büro im Halbdunkel friedlich – doch ich weiss, dass hier schon morgen früh wieder das volle Leben einziehen wird.