Definition, Formen und Ursachen
Häusliche Gewalt stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Frauen und Mädchen erleben deutlich häufiger schwere und wiederholte häusliche Gewalt.
Häusliche Gewalt liegt vor, wenn Personen innerhalb einer bestehenden oder aufgelösten familiären, ehelichen oder eheähnlichen Beziehung physische, psychische oder sexuelle Gewalt ausüben oder androhen.
Definition häusliche Gewalt
Der Begriff Häusliche Gewalt bezieht sich auf alle Handlungen körperlicher, sexueller, psychischer oder wirtschaftlicher Gewalt, die innerhalb der Familie oder des Haushalts oder zwischen früheren oder derzeitigen Eheleuten oder Partnerinnen beziehungsweise Partnern vorkommen, unabhängig davon, ob der Täter beziehungsweise die Täterin denselben Wohnsitz wie das Opfer hat oder hatte. (Art 3 lit b)
(Quelle: https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2018/168/de)
Sie umfasst somit nicht nur Gewalt innerhalb einer (ehemaligen) Partnerschaft, sondern auch Gewalt in Familienbeziehungen.
Die Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO) nennt zusätzlich folgende Merkmale als klassische Faktoren häuslicher Gewalt
- Es besteht ein Machtgefälle, welches ausgenutzt wird.
- Gewalthandlungen finden meist im eigenen zuhause statt, welches eigentlich als Ort der Sicherheit und Geborgenheit verstanden wird.
- Die gewaltbetroffene und die gewaltausübende Person verbindet eine emotionale Beziehung.
(Quelle: https://www.frauenhaeuser.ch/de/haeusliche-gewalt)
Ursachen häuslicher Gewalt
Häusliche Gewalt entsteht nie durch ein einzelnes Ereignis, sondern hat komplexe und vielschichtige Ursachen. Sie ist ein Mittel zur Machtausübung und Kontrolle innerhalb einer Beziehung.
Das ökonomische Modell zur Erklärung von Gewalt des EBG (Eidgenössisches Büros für die Gleichstellung von Mann und Frau) veranschaulicht, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken, die Gewalt begünstigen und zu dieser führen können. Zum Beispiel können Erfahrungen von Gewalt in der Kindheit, Suchtprobleme oder ein Umfeld, in dem Gewalt gegen Frauen als normal gilt, das Risiko erhöhen.

Grafik: Ökosystemisches Modell zur Erklärung von Gewalt (EBG, nach Egger et al. 2008, gestützt auf WHO 2002)
Weitere detaillierte Informationen zu Ursachen und Risikofaktoren finden Sie in der Publikation des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EGB): A2. Ursachen, Risiko- und Schutz faktoren von Gewalt in Paarbeziehungen.
Die Verantwortung für häusliche Gewalt liegt immer bei der gewaltausübenden Person – niemals beim Opfer.
Formen und Folgen von häuslicher Gewalt
Häusliche Gewalt kann in unterschiedlichen Formen ausgeübt werden.
- Physische Gewalt (z.B. schlagen, treten)
- Psychische Gewalt (z.B. beschimpfen, abwerten)
- Sexualisierte Gewalt (z.B. Zwang zu sexuellen Handlungen)
- Ökonomische Gewalt (z.B. Kein Zugang zu finanziellen Mitteln)
- Stalking (ehemaliger) Partnerschaftsbeziehungen (z.B. zwanghafte Verfolgung & Belästigung)
- Soziale Gewalt (z.B. Verbote und Kontrolle von Kontakten)
- Digitale Gewalt (z.B. Veröffentlichung Bildmaterial, Cyberstalking)
Auch die Initiierung einer Zwangsehe im Familiensystem ist als häusliche Gewalt anzuerkennen.
Grafik: Formen häuslicher Gewalt
Die in der Öffentlichkeit sichtbarste Folge von häuslicher Gewalt gegen Frauen ist der Feminizid. Alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau durch ihren Ehemann, (Ex-) Partner oder männliche Verwandte getötet.
Auch die Folgen physischer Gewalt wie Verletzungen, Hör- und Sehschäden, Frakturen oder ein allgemeiner schlechter Gesundheitszustand sind sichtbare Folgen von Gewalt.
Um ein ganzheitliches Bild der gesundheitlichen Auswirkungen häuslicher Gewalt zu verstehen, ist es entscheidend zu erkennen, dass die Betroffenen stark unter den langfristigen direkten und indirekten Folgen leiden. Menschen, die in einer gewaltvollen Partnerschaft leben, sind dieser Situation häufig über lange Zeiträume hinweg ausgeliefert – oftmals in den eigenen vier Wänden, ohne Möglichkeit, sich zurückzuziehen oder Schutz zu finden. Die erlebten Gewalthandlungen stehen dabei meist nicht isoliert nebeneinander, sondern sind Teil eines fortlaufenden Systems von Kontrolle und Machtausübung. Für viele bedeutet eine solche Beziehung ständige seelische Anspannung, dauerhafte Angst und eine enorme psychische Belastung, die häufig über Jahre anhält. Dieser anhaltende Stress kann erhebliche Auswirkungen haben. Betroffen leiden oft unter Depressionen, Angstzuständen, Panikattacken, Schlafstörrungen oder einem verringerten Selbstwertgefühl.
Häusliche Gewalt wirkt sich auch auf das soziale Leben der Betroffenen aus. Aus Scham ziehen sich einige Betroffene aus ihrem Umfeld zurück, Fallen aufgrund von Verletzungen bei der Arbeit aus oder werden bewusst durch die gewaltausübende Person von ihrem Umfeld isoliert. Daraus resultiert eine Verstärkung der emotionalen Abhängigkeit zwischen der gewaltbetroffenen und der gewaltausübenden Person.
Personen, die im Zuge eines Familiennachzugs eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz erhalten haben, befürchten ihren Aufenthaltstitel bei einer Trennung zu verlieren.
Die Gewaltspirale – Warum ist das Gehen so schwierig?
Die Gewaltspirale (cycle of violence) der Psychologin Lenore E. Walker beschreibt den typischen Verlauf von häuslicher Gewalt in wiederkehrenden Phasen. Der Kreislauf besteht aus drei Phasen, die sich mit der Zeit meist verstärken und in immer kürzeren Abständen zueinander wiederholen.

Gewaltspirale nach Lenore E. Walker (1979), grafische Darstellung unbekannter Urheberschaft
1. Spannungsphase: In dieser Phase entstehen zunehmende Spannungen und Konflikte. Die gewaltbetroffene Person versucht häufig, die Situation zu beruhigen oder die Gewalt zu vermeiden
2. Gewaltphase: Die aufgestaute Spannung entlädt sich in einem Gewaltausbruch – körperlich, psychisch, sexuell oder verbal. Die gewaltbetroffene Person erlebt Angst, Schmerz und Hilflosigkeit.
3. Ruhe- oder Versöhnungsphase: Die gewaltausübende Person zeigt Reue, bittet um Verzeihung und verspricht Besserung. Kurzzeitig entsteht der Eindruck von Harmonie und Stabilität. Es entsteht Hoffnung auf eine bessere Zukunft, bevor der Zyklus erneut beginnt.
Die wiederkehrende Abfolge dieser Phasen lässt immer wieder auf eine Besserung der Situation hoffen, führt jedoch eher zu einer Verstärkung der Gewalt und Abhängigkeit. Betroffene erleben, dass ihr Handeln keine Besserung bringt, sondern oft noch mehr Gewalt auslöst. Mit der Zeit verlieren sie das Vertrauen in ihre eigene Stärke und glauben, der Situation ausgeliefert zu sein.
Für Betroffen ist es wichtig, diese wiederkehrenden Phasen zu erkennen, um aus der Gewaltbeziehung auszubrechen. Oftmals ist hierfür Hilfe von aussen notwendig.
Ohne Bearbeitung der zugrundeliegenden Probleme wie Eifersucht, Kontrollverhalten, fehlende Emotionsregulation oder unverarbeitete Traumata wiederholt sich der Kreislauf und kann über Jahre andauern. Mit jedem Ausbruch verstärken sich die Folgen für die Betroffenen und das Risiko weiterer Gewalt steigt.
Es ist wichtig, diese Dynamik zu kennen. Das Verstehen dieser unbewussten Handlungsmuster ermöglicht erst ein Durchbrechen dieser und schafft die Möglichkeit von Veränderung. Doch meist dauert dieser Prozess Jahre, benötigt mehrere Anläufe und ist nur mit Hilfe von vertrauten Personen und Fachpersonen möglich.
Hier sind einige Faktoren, die ein Weggehen erschweren:
- Angst: Das Risiko, geschlagen oder getötet zu werden, steigt, wenn die Frau die Beziehung verlassen will. Dies bedeutet für den Partner oft einen Kontroll- und Machtverlust.
- Hoffnung: Viele Frauen hoffen, die Beziehung oder die Familie retten zu können, insbesondere wenn der Partner auch der Vater der Kinder ist. Sie glauben, dass sich der Partner ändern könnte.
- Rechtliches: Bei einer Trennung haben Betroffene Angst, das Aufenthaltsrecht zu verlieren. Trotz der Härtefallbestimmungen für Migrantinnen kommt es in der Praxis oft zu Nachteilen für die Betroffenen.
- Emotionale Abhängigkeit: Schuld- und Schamgefühle halten Frauen in gewaltgeprägten Beziehungen.
- Falsche Loyalität: Manche verteidigen den gewalttätigen Partner oder sein Verhalten.
- Fehlende Perspektiven: Viele Frauen wissen nicht, wohin sie gehen sollen oder wie sie sich und ihre Kinder allein versorgen können.
- Mangelndes soziales Netz: Besonders neuzugezogene Frauen sind oft isoliert, haben wenig Untertützung und oftmals Probleme mit der Verständigung.
Prävention und Bekämpfung
Zum Schutz von Frauen und Mädchen vor allen Formen von Gewalt sowie zur Bekämpfung häuslicher Gewalt wurde 2011 ein Übereinkommen des Europarats verabschiedet, die Istanbul-Konvention. Gemäss dieser ist Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt eine Menschenrechtsverletzung.
Lesen Sie hier mehr über die Istanbul-Konvention
Betroffene Kinder von häuslicher Gewalt
Gewalt gegen die Mutter ist eine Form der Gewalt gegen das Kind und somit eine Kindswohlgefährdung. Kinder, die die Gewalt gegen die Mutter erleben, sind nicht nur Zeugen, sondern auch Opfer von Gewalt (Quelle: Kavemann 2002, S. 268).
- Jede fünfte Kindeswohlgefährdung geht auf miterlebte Gewalt zwischen den Eltern zurück.
- Jede:r fünfte Jugendliche hat Gewalthandlungen zwischen seinen Eltern beobachtet.
- Bei mehr als der Hälfte aller Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt sind Kinder und Jugendliche involviert.
Quelle: EBG