Halt Gewalt! Aktionswoche vom 2. bis 10. Mai

Häusliche Gewalt ist ein Thema, das oft im Stillen bleibt und doch uns alle betrifft. Sei es als Freund:innen, Nachbar:innen oder Kolleg:innen: Viele von uns kommen mit Anzeichen in Berührung. Doch wie lassen sich diese richtig einschätzen? Und was tun in solchen Momenten?

Genau hier setzt die Aktionswoche „Halt Gewalt“ an, die vom 2. bis 10. Mai 2026 stattfindet. Ziel ist es, das Bewusstsein für häusliche Gewalt zu schärfen, Tabus zu brechen und konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Ein vielseitiges Programm für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Fachpersonen lädt dazu ein, sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Ein Konzert von Baschi Hausmann und Tamara Kämpfer zeigt, wie Popkultur unsere Wahrnehmung von Gewalt prägt. Kreative Köpfe können sich beim Siebdrucken engagieren und Botschaften gegen Gewalt sichtbar machen. In einem Stadtrundgang berichtet eine ehemals Betroffene von ihren Erfahrungen. Wer sich körperlich stärken möchte, kann an einem Wen-Do-Kurs teilnehmen – einem Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungstraining für Frauen, Mädchen, genderdiverse Personen und Menschen mit Behinderung.

In Inputs, Dialogen und Workshops stärken wir unsere Zivilcourage und lernen konkrete Handlungsmöglichkeiten kennen. Fachpersonen und Eltern können sich zum Thema toxische Männlichkeit austauschen und Jugendliche sich mit Männerbildern auseinandersetzen. In der Claramatte laden Expert:innen Kinder und Erwachsene dazu ein, über Sicherheit, Ruhe und Stress ins Gespräch zu kommen. In den Workshops «Gewaltfreie Kommunikation in Konflikten» und «Trauma verstehen, Sicherheit ermöglichen» setzen wir uns mit eigenen Reaktionsmustern auseinander und lernen, Konfliktsituationen zu deeskalieren.

Die Aktionswoche bietet für alle eine Möglichkeit, sich dem Thema anzunähern – durch Wissen, Austausch, Kreativität oder Bewegung. Denn Veränderung beginnt dort, wo wir hinschauen, verstehen und handeln.

Das vollständige Programm ist unter https://halt-gewalt26.my.canva.site/aktionswoche abrufbar.

Wir sind Partnerorganisation der Glückskette

Wir sind sehr glücklich, dass die Glückskette sich entschieden hat, uns für die Jahre 2025–2028 beim Projekt «Kinder und ihre Mütter in ein selbstbestimmtes und sicheres Leben begleiten – Weiterentwicklung des Mutter-Kind-Bereichs im Frauenhaus beider Basel» zu unterstützen.

Hören Sie hierzu das Interview mit unserer Geschäftsleiterin Bettina Bühler auf SRF vom Dezember 2025:

Grosser Erfolg beim Presserat

Die DAO und das Frauenhaus beider Basel haben Ende 2024 zur Berichterstattung des Feminizids im Baselland vom Frühling 2024 eine Beschwerde beim Schweizer Presserat gegen die beiden Medienhäuser «20 Minuten» und nau.ch eingereicht. Die DAO und das Frauenhaus beider Basel sind der Meinung, dass mit der reisserischen Berichterstattung die Privatsphären des Opfers und der Familienangehörigen verletzt wurden. 

Die DAO und das Frauenhaus beider Basel nehmen dankbar zur Kenntnis, dass der Presserat diese Einschätzung grösstenteils gutheisst. Der Presseamt hält fest, die Berichterstattung der beiden Medienhäuser sowohl die Ziffern 7 (Identifizierung / Kinder) sowie Ziffer 8 (Opferschutz) der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» verletzte. Weiter erklärt der Presserat, dass «in diesem Fall (…) kein Interesse der Öffentlichkeit an der ausführlichen Darstellung der Gewalt zu erkennen (ist). Die Schilderung exakter, grausamer Details des Verbrechens übersteigen das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit bei Weitem. Die Details helfen nicht, die Tat besser einordnen zu können, sondern wirken entmenschlichend. Sie sind nicht von öffentlichem Interesse, sie dienen lediglich der Erzeugung von Spannung, der Befriedigung der Neugier und dem Generieren von Clicks».

Immer wieder ist die Gesellschaft mit sensationalistischen Medienberichten zu Morden an Frauen, weil sie Frauen sind, konfrontiert. Die DAO und das Frauenhaus beider Basel wehren sich entschieden dagegen. Dabei geht es nicht um einen tragischen Einzelfall, sondern um den Grundsatz. Opfer sollen geschützt werden und nicht Täter. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Informationen, diese sollen aber in erträglichen Rahmen für Opfer und Angehörige sein und der Sache dienen, nicht der Sensation. In diesem Sinn wird die DAO und das Frauenhaus beider Basel weiter um mehr Opferschutz statt Täterschutz kämpfen. 

Zur ausführlichen Argumentation

Zur Zusammenfassung (Newsletter Schweizer Presserat) 

 

«Grättifrauen» für den guten Zweck

Bereits zum zweiten Mal verteilte der Rotary Club Basel-Dreiländereck gemeinsam mit vielen Helferinnen und Helfern Grättifrauen in der Basler Innenstadt. Die gesammelten Spenden kommen vollumfänglich dem Frauenhaus beider Basel zugute. Damit setzen die Rotarier ein starkes Zeichen gegen Gewalt an Frauen. Wir danken allen sehr herzlich für ihren Einsatz an einem eiskalten Novembertag am Rhein.

Stärker als Gewalt

Wir holen die interaktive Ausstellung «Stärker als Gewalt» erstmals vom 23. Januar bis 7. Februar 2025 nach Basel. Die Ausstellung zeigt verschiedene Aspekte des Themas Häusliche Gewalt anhand einer Wohnung und bietet so die Möglichkeit, sich in kurzer Zeit einen guten Überblick über das Thema zu verschaffen.

Im Namen des Organisationskomitees laden wir Sie herzlich zum Tag der offenen Tür ein.

  • Wann: 23. Januar 2025, 11–17 Uhr
  • Wo: Maurerhalle der Allgemeinen Gewerbeschule Basel (Vogelsangstr. 15)

Nebst der Möglichkeit, die Ausstellung zu besichtigen, stellen sich die Institutionen vor, welche mit Gewaltbetroffenen und -ausübenden zusammenarbeiten. An interaktiven Infoständen können Sie sich über deren Arbeit informieren, mit Mitarbeitenden von der Opferhilfe, den Frauenhäusern, der Polizei und weiteren Institutionen ins Gespräch kommen und spielerisch ihr Wissen zu Häuslicher Gewalt vergrössern.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Booklet zur Ausstellung (PDF)

Interview der BaZ mit Bettina Bühler

Bettina Bühler, Geschäftsführerin des Frauenhauses beider Basel, wünscht sich eine höhere Finanzierung durch die Kantone.

«Ich nehme wahr, dass in unserer Gesellschaft vor allem Täter geschützt werden», sagt sie im Interview.

2024 musste das Frauenhaus beider Basel 334 Frauen und Kinder abweisen. Im Interview sagt Bettina Bühler, wie sie mit der hohen Belegung umgeht – und warum sie trotz höherer Kantonsbeiträge nicht mehr Schutzplätze schaffen kann.

Lesen Sie jetzt das Interview vom 3.10.2025

Taschenbörse Basel – ein voller Erfolg

Die diesjährige Taschenbörse Basel war ein voller Erfolg: Insgesamt wurden rund 1500 Taschen verkauft.

Unter dem Motto «Taschen helfen Frauen» haben zahlreiche Frauen aus Basel und Umgebung ihre gut erhaltenen Taschen gespendet – von Designerstücken, ganz speziellen Exemplaren bis hin zu Alltagsbegleitern. Am 5. April 2025 verwandelte sich die Offene Kirche Elisabethen in ein wahres Taschenparadies für nachhaltige Mode und gelebte Solidarität.

Die lange Schlange vor der Türöffnung zeigte einmal mehr, dass die Basler Taschenbörse in der Region bekannt und beliebt ist. Am Morgen war die Kirche brechend voll und – auch dank des Wochenendtipps von Radio Basilisk – bis zum Nachmittag gut besucht.

Der Grossteil des Reinerlöses geht an das Frauenhaus beider Basel, das Frauen und ihren Kindern in Not Schutz und Unterstützung bietet. Am 28. April 2025 fand die Checkübergabe in Höhe von CHF 38’800 in der Offenen Kirche Elisabethen statt. Jo Vergeat, Präsidentin des Grossen Rates BS 2022/2023, hat mit ihrer frischen Art die Laudatio gehalten.

Unser Dank gilt allen Spenderinnen, den zahlreichen Helferinnen und unseren Sponsoren, die durch ihre Unterstützung entscheidend mitgewirkt haben.

Gemeinsam haben wir wieder einmal gezeigt, was entstehen kann, wenn Frauen sich für Frauen einsetzen. Dies gibt uns den Mut und die Kraft, die nächste grosse Basler Taschenbörse 2027 zu planen.

Das betreute Spielangebot: Interview mit einer Mitarbeiterin

Den Kindern Sicherheit geben

Kinder, die mit ihren Müttern ins Frauenhaus flüchten, brauchen besondere Aufmerksamkeit, denn auch sie sind von häuslicher Gewalt betroffen. Deshalb haben wir das Angebot für Kinder kontinuierlich vergrössert. Das Spielzimmer, in dem die Kinder professionell betreut werden, haben wir 2023 nach traumasensiblen Gesichtspunkten umgebaut. Im Interview beschreibt eine Betreuerin die anspruchsvolle Arbeit.

Du arbeitest nun seit bald drei Jahren im Spielangebot des Frauenhauses beider Basel. Was ist das Besondere an der Arbeit in dieser Institution?

Speziell ist sicherlich die Altersspanne der Kinder, denn hier im Frauenhaus können gleichzeitig Neugeborene und Teenager in einer Gruppe sein. Das ist einmalig. Zudem ist die Aufenthaltsdauer der Kinder sehr unterschiedlich: Einige bleiben nur ein paar Tage, andere mehrere Wochen. Besonders ist auch, dass die Kinder sich hier in einer Ausnahmesituation befinden.

Was sind die grössten Herausforderungen bei deiner Arbeit mit den Kindern im Frauenhaus?

Eine Herausforderung ist für mich immer wieder, ein gutes Zusammenspiel in der Kindergruppe zu schaffen, gerade auch mit denjenigen Kindern, die wenig Strategien haben, um Konflikte zu lösen. Auf der emotionalen Ebene ist es für mich persönlich oftmals herausfordernd, wenn Kinder ungeplant austreten und ich mich nicht von ihnen verabschieden kann.

Worauf musst du in der Interaktion mit den Kindern besonders achten?

Ich möchte jedem Kind wohlwollend und aufmerksam begegnen, es willkommen heissen und es dort abholen, wo es in der Entwicklung steht. Das Spielangebot soll ein sicherer Ort und ich eine verlässliche Bezugsperson sein, denn diese Klarheit ist ganz wichtig für die Kinder.

Kommt es häufig vor, dass dir Kinder von ihren Gewalterlebnissen erzählen? Und wie reagierst du dann?

Ja, das kommt immer mal wieder vor, gerade in sozialen Situationen wie beim Znüni, beim Zvieri oder beim Spazierengehen. Ich höre den Kindern zu und versuche intensiv, ihnen emotional beizustehen. Das Erzählen ist ein wichtiger Schritt zur Enttabuisierung, zur Bewältigung und Verarbeitung des Erlebten. Ich würdige ihren Schritt des Vertrauens und signalisiere ihnen, wie wichtig und gut es ist, dass sie das Erlebte benennen. In einem ersten Schritt suche ich noch keine Lösung, höre vielmehr zu. In einem weiteren Schritt helfe ich den Kindern, Wörter für das Erlebte zu finden und das Gefühlte zu verbalisieren. Wichtig ist, dass wir später zusammen mit der Mutter und den Beraterinnen besprechen, was das Kind weiter braucht.

Wie zeigen Kinder, dass sie belastet sind?

Das zeigt sich sehr unterschiedlich, je nach Alter des Kindes. Bei Säuglingen zeigt es sich oft in den physischen Funktionen: Einige haben Schwierigkeiten beim Schlafen oder im Essverhalten, andere reagieren kaum auf Kontaktaufnahme oder Geräusche. Es gibt auch Babys, die einen sehr hohen Körpertonus haben. Wenn zum Beispiel irgendwo der Wind ein Fenster zuschlägt und das Baby erschrickt, dann fühlt es sich an, als hätte ich ein Baby aus Stein auf dem Arm.

Bei älteren Kindern zeigt sich eine Belastung oft in einer grossen Übererregung, viel Hektik, einer erhöhten Wachsamkeit oder einem starken Kontrollbedürfnis. Das gesamte Nervensystem ist überaktiv.

Es kann sich aber auch auf die kognitive Entwicklung auswirken, zum Beispiel auf die Sprachentwicklung oder die Konzentrationsfähigkeit. Oftmals haben die Kinder körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchweh, die Sensorik ist beeinträchtigt, sie spüren ihren eigenen Körper nicht oder schlagen sich oft an. Sie leiden unter emotionalen Beeinträchtigungen, fühlen sich wertlos, haben Mühe mit der Regulation der Emotionen oder haben Schuldgefühle. In der sozialen Entwicklung kann es zu Rückzug oder Aggressivität führen. Einige suchen stark die körperliche Nähe – andere halten viel Distanz.

Wie erklärst du den Kindern, was das Frauenhaus für ein Ort ist?

Grundsätzlich haben wir im Mutter-Kind-Bereich die Haltung, dass jedes Kind ein Recht darauf hat zu erfahren, wo es ist, warum es hier ist und wie es weitergeht. Wir versuchen die Mutter zu sensibilisieren, dass ihr Kind Klarheit braucht und verdient. Aber wir arbeiten nie gegen den Willen der Mutter. Unsere Hauptaussage ist immer, dass die Kinder hier in einem sicheren Haus für Frauen und Kinder sind, wo ihre Mutter Zeit hat zum Überlegen und wo sie Unterstützung bekommt.

Im Sommer 2023 wurde das Spielzimmer im Frauenhaus umgebaut. Worauf habt ihr besonders geachtet?

Auf sehr vieles! (lacht) Zunächst einmal sind wir sehr froh, dass das Spielzimmer so toll und fachlich fundiert umgestaltet werden konnte. Zentral ist, dass eine traumasensible Betreuung möglich und der Raum für alle Altersgruppen nutzbar ist. Es war uns ein grosses Anliegen, die verschiedenen Sinne der Kinder anzusprechen, um die gesamte Entwicklung der Sensomotorik zu fördern. So wurde das Zimmer mit verschiedenen Materialien und Oberflächen ausgestattet.

Neu haben wir einen kleinen Eingangsbereich, wo wir die Kinder begrüssen und verabschieden und wo sie sich auch von ihren Müttern verabschieden. Das ist ein wichtiges Ritual.  Und ein ganz wichtiger Faktor aus der Traumapädagogik: Der Raum soll Freude und Spass bereiten. Es ist ein schöner Raum, der neugierig macht und einlädt, Neues und Spannendes zu erleben.

Irgendwann verlassen alle Kinder das Frauenhaus wieder – einige waren nur ein paar Tage hier, andere mehrere Wochen. Wie gestaltet ihr diese Abschiede?

Alle Kinder bekommen von uns ein Abschiedsgeschenk. Wenn der Abschied planbar ist, dann thematisieren wir das vorgängig und gestalten einen Austrittskalender. So wird für das Kind gut sichtbar, wie viele Nächte es noch hier ist und was es hier alles gemacht und erlebt hat. So entsteht eine schöne Möglichkeit, auf die Entwicklung, die das Kind hier im Frauenhaus gemacht hat, zurückzuschauen und sie zu würdigen.

Welche Ideen und Ziele habt ihr für die zukünftige Arbeit mit den Kindern?

Wir möchten über das Frauenhaus hinaus dazu beizutragen, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entsteht, wie stark Kinder und Jugendliche unter Häuslicher Gewalt leiden, und dass sie entsprechende Aufmerksamkeit und Versorgung brauchen.

Ich danke dir für das Gespräch und wünsche dir weiterhin viel Freude bei deiner Arbeit!

Eine Stimme geben: Interview mit einer Klientin

Ich weiss jetzt, was ich mit meinem Leben anfangen will

In unseren Jahresberichten schreiben wir viel über die betroffenen Frauen. Hier soll eine Frau selbst zu Wort kommen: Sie war so mutig, über ihre Zeit im Frauenhaus beider Basel zu reden – und das Interview zu veröffentlichen.

Nennen wir sie Maria. Die Mutter dreier Kinder ist seit einigen Monaten bei uns im Frauenhaus und hat inzwischen die Zusage für eine eigene Wohnung erhalten. Das Gespräch hat somit fast schon einen Abschiedscharakter und ist ein Rückblick auf ihre Zeit bei uns.

Zum Interview erscheint Maria aufgelöst, mit Tränen in den Augen.

Maria: Sorry, sorry, es ist gerade nicht einfach. Ich habe heute das Gefühl, die Kinder nicht mehr im Griff zu haben. Sie geben mir die Schuld, dass alles so lange dauert.

Anita: Gar kein Problem! Danke, dass Sie sich trotzdem die Zeit nehmen für unser Gespräch.

Ich mache uns Tee. Tee hilft (fast) immer. Nach einigen Minuten scheint Maria ruhiger: Sie lächelt und ist bereit für meine Fragen.

Maria, als erstes die ganz banale Frage: Wie geht es Ihnen?

Diese Frage ist so gut, aber es fällt mir schwer, ehrlich zu sein. Ich bin echt kaputt, aber wenn ich an die Kinder und die Zukunft denke, muss ich stark sein. Es ist schwierig, aber ich denke, wir schaffen das.

Sie haben es grad selbst angesprochen: Sie sind nicht allein hier, sondern mit Ihren drei Kindern. Wie geht es ihnen?

Generell würde ich sagen, sie sind okay. Ich versuche, viel mit ihnen zu reden und ihnen zuzuhören. Aber zum Teil ist es sehr schwierig für die Kinder, weil sie vieles nicht verstehen: Warum müssen wir ständig auf etwas warten? Was passiert vor Gericht? Manchmal glauben sie mir nicht mehr, dass alles irgendwann besser wird. Auch wenn wir über ihren Vater sprechen, wird es jeweils schwierig.

Sie sind schon eine ganze Weile hier. Welche Entwicklung sehen Sie bei Ihren Kindern?

Am Anfang waren sie nur traurig! Hier im Frauenhaus hat ihnen gar nichts gefallen, und sie haben ihr altes Leben, ihr Zuhause, ihre Freunde und die Schule vermisst. Inzwischen fühlen sie sich hier total zu Hause, kennen jede Ecke. Sie springen, lachen und weinen – ganz normal. Sie sind hier sehr glücklich, auch weil immer jemand da ist, der sich kümmert und mit ihnen spielt. Ja, wir sind wie eine grosse Familie!

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre eigene Wohnung, in die Sie bald zu viert ziehen werden?

Ich freue mich sehr auf meine eigene Welt und meine Privatsphäre, denn das ist unsere Zukunft. Aber es wird natürlich auch ein trauriger Abschied von hier. Jetzt, wo wir uns an alles gewöhnt haben – an das bunte Miteinander und an die grosse Gemeinschaft –, sind wir bald allein.

Was hat Ihnen im Frauenhaus am meisten geholfen?

Manchmal fühlt es sich an, als wären hier ganz viele Engel. Egal in welcher Situation: Es ist immer jemand für uns da. Die Mitarbeiterinnen lassen alles stehen und liegen, wenn wir eine Frage haben oder es uns schlecht geht. Auch dürfen wir hier alle Emotionen zeigen und werden aufgefangen. Das hat mich selbstsicher gemacht. Die Unterstützung bei organisatorischen Dingen hat mir ebenfalls sehr geholfen.

Gab es auch Herausforderungen?

Die vielen Geräusche in der Nacht! Zum Beispiel knarzt die Treppe – am Anfang konnte ich deshalb schlecht schlafen. Ausserdem sind hier viele verschiedene Frauen und Familien, und manchmal ist es schwierig, die Unterschiede zu akzeptieren. Aber wir müssen miteinander auskommen, auch in der Küche! Da musste ich lernen, die Augen und Ohren zuzumachen, damit ich nicht explodiere! (lacht)

Was haben Sie in den letzten Monaten über sich selbst gelernt?

Viel! Vor allem, dass ich eine sehr starke Frau bin. Ich weiss jetzt, was ich mit meinem Leben anfangen will. Ausserdem war es hier wie ein Kurs in Geduldig-Sein. (lacht)

Ich höre viel Optimismus bei Ihnen.

Ja, sicher! Es kommt gut, egal wann.

Welchen Ratschlag würden Sie Frauen geben, die in einer ähnlichen Situation sind?

Jede Situation ist anders, und es gibt keine Antwort für alle. Am wichtigsten ist: Du musst stark sein, denn von zu Hause weggehen ist eine grosse Entscheidung. Ich habe lange nichts vom Frauenhaus gewusst. Hätte ich davon gewusst, wäre ich schon viel früher gegangen! Die Schweiz muss viel besser über solche Angebote für Frauen informieren!

Wie haben Sie letztendlich vom Frauenhaus erfahren?

Über viele Ecken: Die Verwandte der Freundin einer Freundin arbeitet in einem Frauenhaus. Zum Glück! Ich dachte, ich muss meinen Ex-Mann tolerieren und alles aushalten, weil ich sonst mit meinen Kindern auf der Strasse lande. Aber es gibt eine Lösung. Du musst nicht warten, bis dein Ex-Mann dich tötet.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Ich weiss jetzt, dass ich eine Frau mit viel Potenzial bin. Ich werde meinen Kurs weitermachen und einen guten Job im Spital finden. Mit dem Geld, das ich dort verdiene, möchte ich dem Frauenhaus spenden. Im Moment profitieren meine Kinder und ich von den Spenden anderer Leute, und das möchte ich irgendwann zurückgeben. Denn das ist wichtig für unsere Gesellschaft. Ja, ich möchte Frauen helfen!

Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihren Mut, uns Einblick in Ihre Geschichte zu geben.

Ich hoffe, es hilft jemandem: Du kannst jederzeit neu anfangen – es ist nie zu spät! Du allein entscheidest über dein Leben, niemand sonst. Bleibst du jedoch bei ihm, endet dein Leben. Du weisst nie, wann er dich umbringt.

Interview: Anita Olah-Erichsen

Ein Arbeitstag im Frauenhaus

Im Frauenhaus ist kein Tag wie der andere. Unsere Mitarbeiterinnen müssen auf alles gefasst sein, schnell reagieren können und gleichzeitig den anwesen den Frauen Struktur und Sicherheit bieten. Eine Beraterin schildert einen «ganz normalen» Arbeitstag.

Der Tag beginnt früh. Schon auf dem Weg zur Arbeit besorge ich einen bunten Blumenstrauss, um etwas Farbe ins Frauenhaus zu bringen. Mit der Post unter dem Arm treffe ich kurz vor 8 Uhr ein und übernehme die Schicht von der etwas übermüdeten Nachtdienst-Mitarbeiterin. Unsere Übergabe wird unterbrochen, als eine Klientin an unsere Bürotür klopft, um nach Post zu fragen. Kurz darauf sitzt sie weinend im Gemeinschaftsraum: Der Brief, den sie gerade erhalten hat, enthält den Termin für die bevorstehende Trennungsverhandlung, die sicher fordernd und aufwühlend sein wird.  Gemeinsam besprechen wir ihre Ängste und den Ablauf der Verhandlung. Mit einem Tee beruhigt sie sich etwas und entscheidet, nach dem Frühstück einen Spaziergang zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen.

STÄNDIGE UNTERBRECHUNGEN

Das Telefon klingelt immer wieder. Eine Anruferin sucht einen Schutzplatz für sich und ihre Kinder: Sie wird von ihrem Mann massiv bedroht, erlebt immer wieder Gewalt und hat grosse Angst. Nach detaillierten Abklärungen vereinbaren wir ihren Eintritt für den Nachmittag. Zwischendurch helfe ich einer Klientin, die verschlafen hat, rechtzeitig zu ihrem Beratungstermin zu kommen.

Nach dem Frühstück spiele ich zunächst eine Runde Uno mit zwei Kindern, die Schulferien haben. Schon nach der ersten Runde verlieren sie jedoch das Interesse: Die Spielsachen in der Ecke sind einfach spannender. Kurz darauf unternehmen sie einen Ausflug auf den Bauernhof, mit den Mitarbeiterinnen unseres hausinternen Spielangebots. Die plötzliche Ruhe im Haus nutze ich, um mit den Hausarbeiten zu beginnen: Kaffeemaschine reinigen, Haltbarkeitsdaten prüfen, Wäsche wegräumen. Derweil bittet mich eine Frau um Unterstützung mit der Waschmaschine, und wir verbringen ein paar Minuten im Keller, wo ich auch gleich die Wäsche aufhänge.

HOFFNUNGSVOLLER ABSCHIED

Eine Klientin wird uns heute verlassen. Sie hat einige Wochen bei uns verbracht und hat in dieser Zeit viel erreicht. Nun ist es für sie an der Zeit, in ihre eigenen vier Wände zu ziehen. Ihr Zimmer hier bei uns hat sie bereits sauber geputzt. Es ist bereit für die neue Frau, die am Nachmittag mit ihren Kindern hier einziehen wird. Vorher organisieren wir eine kleine Abschiedsrunde. Bei Kaffee, Tee und Gipfeli tauschen sich die Klientinnen aus – es wird emotional, aber auch hoffnungsvoll.

Das Mittagessen bringt alle wieder zusammen. Die Kinder berichten lebhaft von ihrem Ausflug, während die Frauen sich über ihre Pläne unterhalten. Eine Klientin erzählt stolz von ihrer neuen Arbeitsstelle. Am Tisch wird klar: Gemeinschaft ist ein wichtiger Teil des Lebens im Frauenhaus. Nach dem Essen räume ich mit den Frauen die Küche auf und verabschiede die ausziehende Klientin endgültig. In das frei gewordene Zimmer lege ich ein Willkommensgeschenk für die Neuankömmlinge und öffne das Fenster, um frische Luft hereinzulassen.

INDIVIDUELLE BERATUNG

Am Nachmittag führe ich ein längeres Beratungsgespräch: Eine meiner Klientinnen fühlt sich angesichts der vielen anstehenden Aufgaben überfordert. Gemeinsam erstellen wir ein Mindmap mit ihren Zielen und Plänen. Sie ist sehr dankbar für diese Visualisierung und wird sie in ihrem Zimmer aufhängen. Sie sieht: Ich habe schon ganz viel erreicht!

NEUANKUNFT

Gegen 16 Uhr hole ich die neue Klientin und ihre Kinder ab – an einem öffentlichen Ort, den wir am Telefon ausgemacht haben. Obwohl wir uns vorher nie gesehen haben, erkennen wir uns sofort. Im Frauenhaus angekommen, führe ich sie durchs Haus, zeige ihnen ihr Zimmer und beantworte ihre Fragen. Die Kinder finden schnell Anschluss und spielen schon nach kurzer Zeit mit den anderen, während ihre Mutter sich bei einer Tasse Tee mit den Klientinnen unterhält.

Bevor der Tag zu Ende geht, schreibe ich Berichte und telefoniere mit der Schule der neu eingezogenen Kinder. Ich informiere die künftige Lehrerin über die Situation und bespreche das weitere Vorgehen. Kurz darauf ruft ein anderes Frauenhaus an und meldet einen Übertritt für den nächsten Tag an, da die gewaltbetroffene Frau bei ihnen nicht sicher ist.

Am Ende des Tages räume ich das Büro auf, schliesse die Schränke und übergebe das Telefon an die Nachtdienst-Mitarbeiterin. Als ich das Licht lösche, wirkt das Büro im Halbdunkel friedlich – doch ich weiss, dass hier schon morgen früh wieder das volle Leben einziehen wird.