Aktuell & Blog

Das betreute Spielangebot: Interview mit einer Mitarbeiterin

Anita Olah-Erichsen / 04.06.2025

Den Kindern Sicherheit geben

Kinder, die mit ihren Müttern ins Frauenhaus flüchten, brauchen besondere Aufmerksamkeit, denn auch sie sind von häuslicher Gewalt betroffen. Deshalb haben wir das Angebot für Kinder kontinuierlich vergrössert. Das Spielzimmer, in dem die Kinder professionell betreut werden, haben wir 2023 nach traumasensiblen Gesichtspunkten umgebaut. Im Interview beschreibt eine Betreuerin die anspruchsvolle Arbeit.

Du arbeitest nun seit bald drei Jahren im Spielangebot des Frauenhauses beider Basel. Was ist das Besondere an der Arbeit in dieser Institution?

Speziell ist sicherlich die Altersspanne der Kinder, denn hier im Frauenhaus können gleichzeitig Neugeborene und Teenager in einer Gruppe sein. Das ist einmalig. Zudem ist die Aufenthaltsdauer der Kinder sehr unterschiedlich: Einige bleiben nur ein paar Tage, andere mehrere Wochen. Besonders ist auch, dass die Kinder sich hier in einer Ausnahmesituation befinden.

Was sind die grössten Herausforderungen bei deiner Arbeit mit den Kindern im Frauenhaus?

Eine Herausforderung ist für mich immer wieder, ein gutes Zusammenspiel in der Kindergruppe zu schaffen, gerade auch mit denjenigen Kindern, die wenig Strategien haben, um Konflikte zu lösen. Auf der emotionalen Ebene ist es für mich persönlich oftmals herausfordernd, wenn Kinder ungeplant austreten und ich mich nicht von ihnen verabschieden kann.

Worauf musst du in der Interaktion mit den Kindern besonders achten?

Ich möchte jedem Kind wohlwollend und aufmerksam begegnen, es willkommen heissen und es dort abholen, wo es in der Entwicklung steht. Das Spielangebot soll ein sicherer Ort und ich eine verlässliche Bezugsperson sein, denn diese Klarheit ist ganz wichtig für die Kinder.

Kommt es häufig vor, dass dir Kinder von ihren Gewalterlebnissen erzählen? Und wie reagierst du dann?

Ja, das kommt immer mal wieder vor, gerade in sozialen Situationen wie beim Znüni, beim Zvieri oder beim Spazierengehen. Ich höre den Kindern zu und versuche intensiv, ihnen emotional beizustehen. Das Erzählen ist ein wichtiger Schritt zur Enttabuisierung, zur Bewältigung und Verarbeitung des Erlebten. Ich würdige ihren Schritt des Vertrauens und signalisiere ihnen, wie wichtig und gut es ist, dass sie das Erlebte benennen. In einem ersten Schritt suche ich noch keine Lösung, höre vielmehr zu. In einem weiteren Schritt helfe ich den Kindern, Wörter für das Erlebte zu finden und das Gefühlte zu verbalisieren. Wichtig ist, dass wir später zusammen mit der Mutter und den Beraterinnen besprechen, was das Kind weiter braucht.

Wie zeigen Kinder, dass sie belastet sind?

Das zeigt sich sehr unterschiedlich, je nach Alter des Kindes. Bei Säuglingen zeigt es sich oft in den physischen Funktionen: Einige haben Schwierigkeiten beim Schlafen oder im Essverhalten, andere reagieren kaum auf Kontaktaufnahme oder Geräusche. Es gibt auch Babys, die einen sehr hohen Körpertonus haben. Wenn zum Beispiel irgendwo der Wind ein Fenster zuschlägt und das Baby erschrickt, dann fühlt es sich an, als hätte ich ein Baby aus Stein auf dem Arm.

Bei älteren Kindern zeigt sich eine Belastung oft in einer grossen Übererregung, viel Hektik, einer erhöhten Wachsamkeit oder einem starken Kontrollbedürfnis. Das gesamte Nervensystem ist überaktiv.

Es kann sich aber auch auf die kognitive Entwicklung auswirken, zum Beispiel auf die Sprachentwicklung oder die Konzentrationsfähigkeit. Oftmals haben die Kinder körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchweh, die Sensorik ist beeinträchtigt, sie spüren ihren eigenen Körper nicht oder schlagen sich oft an. Sie leiden unter emotionalen Beeinträchtigungen, fühlen sich wertlos, haben Mühe mit der Regulation der Emotionen oder haben Schuldgefühle. In der sozialen Entwicklung kann es zu Rückzug oder Aggressivität führen. Einige suchen stark die körperliche Nähe – andere halten viel Distanz.

Wie erklärst du den Kindern, was das Frauenhaus für ein Ort ist?

Grundsätzlich haben wir im Mutter-Kind-Bereich die Haltung, dass jedes Kind ein Recht darauf hat zu erfahren, wo es ist, warum es hier ist und wie es weitergeht. Wir versuchen die Mutter zu sensibilisieren, dass ihr Kind Klarheit braucht und verdient. Aber wir arbeiten nie gegen den Willen der Mutter. Unsere Hauptaussage ist immer, dass die Kinder hier in einem sicheren Haus für Frauen und Kinder sind, wo ihre Mutter Zeit hat zum Überlegen und wo sie Unterstützung bekommt.

Im Sommer 2023 wurde das Spielzimmer im Frauenhaus umgebaut. Worauf habt ihr besonders geachtet?

Auf sehr vieles! (lacht) Zunächst einmal sind wir sehr froh, dass das Spielzimmer so toll und fachlich fundiert umgestaltet werden konnte. Zentral ist, dass eine traumasensible Betreuung möglich und der Raum für alle Altersgruppen nutzbar ist. Es war uns ein grosses Anliegen, die verschiedenen Sinne der Kinder anzusprechen, um die gesamte Entwicklung der Sensomotorik zu fördern. So wurde das Zimmer mit verschiedenen Materialien und Oberflächen ausgestattet.

Neu haben wir einen kleinen Eingangsbereich, wo wir die Kinder begrüssen und verabschieden und wo sie sich auch von ihren Müttern verabschieden. Das ist ein wichtiges Ritual.  Und ein ganz wichtiger Faktor aus der Traumapädagogik: Der Raum soll Freude und Spass bereiten. Es ist ein schöner Raum, der neugierig macht und einlädt, Neues und Spannendes zu erleben.

Irgendwann verlassen alle Kinder das Frauenhaus wieder – einige waren nur ein paar Tage hier, andere mehrere Wochen. Wie gestaltet ihr diese Abschiede?

Alle Kinder bekommen von uns ein Abschiedsgeschenk. Wenn der Abschied planbar ist, dann thematisieren wir das vorgängig und gestalten einen Austrittskalender. So wird für das Kind gut sichtbar, wie viele Nächte es noch hier ist und was es hier alles gemacht und erlebt hat. So entsteht eine schöne Möglichkeit, auf die Entwicklung, die das Kind hier im Frauenhaus gemacht hat, zurückzuschauen und sie zu würdigen.

Welche Ideen und Ziele habt ihr für die zukünftige Arbeit mit den Kindern?

Wir möchten über das Frauenhaus hinaus dazu beizutragen, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entsteht, wie stark Kinder und Jugendliche unter Häuslicher Gewalt leiden, und dass sie entsprechende Aufmerksamkeit und Versorgung brauchen.

Ich danke dir für das Gespräch und wünsche dir weiterhin viel Freude bei deiner Arbeit!