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Eine Stimme geben: Interview mit einer Klientin

Anita Olah-Erichsen / 04.06.2025

Ich weiss jetzt, was ich mit meinem Leben anfangen will

In unseren Jahresberichten schreiben wir viel über die betroffenen Frauen. Hier soll eine Frau selbst zu Wort kommen: Sie war so mutig, über ihre Zeit im Frauenhaus beider Basel zu reden – und das Interview zu veröffentlichen.

Nennen wir sie Maria. Die Mutter dreier Kinder ist seit einigen Monaten bei uns im Frauenhaus und hat inzwischen die Zusage für eine eigene Wohnung erhalten. Das Gespräch hat somit fast schon einen Abschiedscharakter und ist ein Rückblick auf ihre Zeit bei uns.

Zum Interview erscheint Maria aufgelöst, mit Tränen in den Augen.

Maria: Sorry, sorry, es ist gerade nicht einfach. Ich habe heute das Gefühl, die Kinder nicht mehr im Griff zu haben. Sie geben mir die Schuld, dass alles so lange dauert.

Anita: Gar kein Problem! Danke, dass Sie sich trotzdem die Zeit nehmen für unser Gespräch.

Ich mache uns Tee. Tee hilft (fast) immer. Nach einigen Minuten scheint Maria ruhiger: Sie lächelt und ist bereit für meine Fragen.

Maria, als erstes die ganz banale Frage: Wie geht es Ihnen?

Diese Frage ist so gut, aber es fällt mir schwer, ehrlich zu sein. Ich bin echt kaputt, aber wenn ich an die Kinder und die Zukunft denke, muss ich stark sein. Es ist schwierig, aber ich denke, wir schaffen das.

Sie haben es grad selbst angesprochen: Sie sind nicht allein hier, sondern mit Ihren drei Kindern. Wie geht es ihnen?

Generell würde ich sagen, sie sind okay. Ich versuche, viel mit ihnen zu reden und ihnen zuzuhören. Aber zum Teil ist es sehr schwierig für die Kinder, weil sie vieles nicht verstehen: Warum müssen wir ständig auf etwas warten? Was passiert vor Gericht? Manchmal glauben sie mir nicht mehr, dass alles irgendwann besser wird. Auch wenn wir über ihren Vater sprechen, wird es jeweils schwierig.

Sie sind schon eine ganze Weile hier. Welche Entwicklung sehen Sie bei Ihren Kindern?

Am Anfang waren sie nur traurig! Hier im Frauenhaus hat ihnen gar nichts gefallen, und sie haben ihr altes Leben, ihr Zuhause, ihre Freunde und die Schule vermisst. Inzwischen fühlen sie sich hier total zu Hause, kennen jede Ecke. Sie springen, lachen und weinen – ganz normal. Sie sind hier sehr glücklich, auch weil immer jemand da ist, der sich kümmert und mit ihnen spielt. Ja, wir sind wie eine grosse Familie!

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre eigene Wohnung, in die Sie bald zu viert ziehen werden?

Ich freue mich sehr auf meine eigene Welt und meine Privatsphäre, denn das ist unsere Zukunft. Aber es wird natürlich auch ein trauriger Abschied von hier. Jetzt, wo wir uns an alles gewöhnt haben – an das bunte Miteinander und an die grosse Gemeinschaft –, sind wir bald allein.

Was hat Ihnen im Frauenhaus am meisten geholfen?

Manchmal fühlt es sich an, als wären hier ganz viele Engel. Egal in welcher Situation: Es ist immer jemand für uns da. Die Mitarbeiterinnen lassen alles stehen und liegen, wenn wir eine Frage haben oder es uns schlecht geht. Auch dürfen wir hier alle Emotionen zeigen und werden aufgefangen. Das hat mich selbstsicher gemacht. Die Unterstützung bei organisatorischen Dingen hat mir ebenfalls sehr geholfen.

Gab es auch Herausforderungen?

Die vielen Geräusche in der Nacht! Zum Beispiel knarzt die Treppe – am Anfang konnte ich deshalb schlecht schlafen. Ausserdem sind hier viele verschiedene Frauen und Familien, und manchmal ist es schwierig, die Unterschiede zu akzeptieren. Aber wir müssen miteinander auskommen, auch in der Küche! Da musste ich lernen, die Augen und Ohren zuzumachen, damit ich nicht explodiere! (lacht)

Was haben Sie in den letzten Monaten über sich selbst gelernt?

Viel! Vor allem, dass ich eine sehr starke Frau bin. Ich weiss jetzt, was ich mit meinem Leben anfangen will. Ausserdem war es hier wie ein Kurs in Geduldig-Sein. (lacht)

Ich höre viel Optimismus bei Ihnen.

Ja, sicher! Es kommt gut, egal wann.

Welchen Ratschlag würden Sie Frauen geben, die in einer ähnlichen Situation sind?

Jede Situation ist anders, und es gibt keine Antwort für alle. Am wichtigsten ist: Du musst stark sein, denn von zu Hause weggehen ist eine grosse Entscheidung. Ich habe lange nichts vom Frauenhaus gewusst. Hätte ich davon gewusst, wäre ich schon viel früher gegangen! Die Schweiz muss viel besser über solche Angebote für Frauen informieren!

Wie haben Sie letztendlich vom Frauenhaus erfahren?

Über viele Ecken: Die Verwandte der Freundin einer Freundin arbeitet in einem Frauenhaus. Zum Glück! Ich dachte, ich muss meinen Ex-Mann tolerieren und alles aushalten, weil ich sonst mit meinen Kindern auf der Strasse lande. Aber es gibt eine Lösung. Du musst nicht warten, bis dein Ex-Mann dich tötet.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Ich weiss jetzt, dass ich eine Frau mit viel Potenzial bin. Ich werde meinen Kurs weitermachen und einen guten Job im Spital finden. Mit dem Geld, das ich dort verdiene, möchte ich dem Frauenhaus spenden. Im Moment profitieren meine Kinder und ich von den Spenden anderer Leute, und das möchte ich irgendwann zurückgeben. Denn das ist wichtig für unsere Gesellschaft. Ja, ich möchte Frauen helfen!

Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihren Mut, uns Einblick in Ihre Geschichte zu geben.

Ich hoffe, es hilft jemandem: Du kannst jederzeit neu anfangen – es ist nie zu spät! Du allein entscheidest über dein Leben, niemand sonst. Bleibst du jedoch bei ihm, endet dein Leben. Du weisst nie, wann er dich umbringt.

Interview: Anita Olah-Erichsen