MIT EINEM OHR IMMER WACH, INNERLICH IMMER BEREIT
Der Präsenzdienst in der Nacht und am Wochenende wird von uns Frauen aus dem Nachtdienst geleistet. Wir sind eine Gruppe von Frauen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Hintergründen. Die meisten gehen neben der Anstellung im Frauenhaus noch weiteren Aufgaben nach.
Meine Arbeit im Nachtdienst habe ich im Frühjahr 2022 begonnen. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Schicht, bei der ich von einer Kollegin eingearbeitet wurde. Nach der Begrüssung wurde ich als Erstes in das sogenannte Präsenzzimmer geführt. Dort gibt es einen grossen Schreibtisch und ein Sofa. Dass dieses Sofa nachts zu einem Bett umfunktioniert wird und ich viele Nächte darauf schlafen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht!
Danach wurde die generelle Stimmung im Haus besprochen und kurz auf jede einzelne Frau und ihre Kinder eingegangen. So geschieht es jeden Abend, damit die Nachtschicht weiss, worauf zu achten ist, ob eine Frau Unterstützung braucht oder im Haus etwas erledigt werden muss.
Es folgte das gemeinsame Abendessen mit den Klientinnen, alle Räumlichkeiten wurden mir gezeigt, das Telefon klingelte, meine Kollegin führte ein telefonisches Beratungsgespräch, Wäsche wurde gewaschen, wir spielten mit den Kindern, räumten auf und schlossen die Türen ab. Als Bettlektüre gab mir meine Kollegin noch zwei Ordner mit: das Handbuch mit allen Informationen, die man eventuell im Dienst braucht, und den Ordner mit den Anfrageblättern. Das Handbuch ist unabdingbar, da man nachts und am Wochenende als einzige Mitarbeiterin im Haus ist und somit nicht einfach mal kurz eine Kollegin um Rat fragen kann. Der Ordner mit den Anfrageblättern ist ebenfalls wichtig: Wenn eine Frau im Frauenhaus anruft, erstellen wir ein Anfrageblatt mit einem Kurzbeschrieb der Situation und wie wir mit der Anruferin verblieben sind, damit sie bei einem erneuten Anruf nicht nochmals alles erzählen muss.
Ich persönlich empfinde die Erstgespräche am Telefon als eine der herausforderndsten Aufgaben im Dienst. Da wir in diesem Moment der erste Berührungspunkt der betroffenen Frau mit dem Frauenhaus sind, spüre ich eine Eine Mitarbeiterin aus dem Nachtteam berichtet 7 grosse Verantwortung. Immer wieder kommt es vor, dass Frauen erst mal nur beraten werden wollen und noch nicht direkt ins Frauenhaus eintreten. In diesen Momenten ist es also wichtig, den Anruferinnen empathisch zu begegnen, sie zu bestärken und gleichzeitig die Situation zu verstehen.
Heute lese ich die Anfrageblätter ganz bewusst nicht mehr vor dem Schlafengehen. Stattdessen höre ich vor dem Einschlafen eine Meditation oder lese in einem Roman. Das Einschlafen im Nachtdienst fiel mir von Anfang an schwer. Ich weiss nicht, ob es an der anfänglichen Sorge lag, das Telefon zu überhören, an der Tatsache, die einzige Angestellte im Haus zu sein, an den Gesprächen mit den Klientinnen oder ganz einfach am Bewusstsein, dass jederzeit eine Klientin an die Tür klopfen oder das Telefon klingeln könnte. Inzwischen bin ich routinierter, und mein Schlaf ist besser geworden, wenn auch sicherlich nicht gleich erholsam wie im eigenen Bett. Was mir dabei hilft, ist zu wissen, dass ich jederzeit den Pikettdienst anrufen und mich bei der kommenden Schichtübergabe kurz mit einer Kollegin austauschen kann. Auch weiss ich, dass von allen Seiten viel Verständnis für herausfordernde Situationen besteht und nicht immer alles reibungslos und perfekt laufen kann
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